Die Predigt im Wortlaut:
Liebe Schwestern und Brüder.
Die Leseordnung der kath. Kirche, die für jeden Wochentag Lesung und Evangelium vorgibt, ist erstaunlich oft viel aktueller, als es das Alter der Texte vermuten lässt.
In der Lesung haben wir vom Murren und Klagen des Volkes Israel gehört, das in der Wüste sich wieder nach den Fleischtöpfen in Aegypten zurück sehnt. Noch ist das Gelobte Land nicht erreicht. Und das was war, ist nicht mehr zu haben. In diesem Dazwischen des „Nicht mehr“ und des „Noch nicht“ scheint das Murren und Klagen die einzige mögliche Reaktion zu sein. Das mag wohl grundmenschlich sein, aber dieses Verhalten geht davon aus, dass alles, was ist und wird nur mit unserer eigenen Leistung, mit unseren eignen Anstrengungen gelingen kann und wird.
Man trauert der Vergangenheit nach – und wünscht sich für die Zukunft eigentlich eine Renaissance des Gehabten. Dass da Moses nicht mehr will. Dass er als Führer des Volkes genug hat, ist nur zu verständlich.
Die Lösungen, die sich anbieten sind zweierlei: Zurück zu einer verklärten Vergangenheit, wie sie gar nie war – oder sich darauf zu besinnen, auf wen wir eigentlich bauen. Und wen wir als Fundament für die Zukunft verstehen.
Zurück zu einer verklärten Vergangenheit, wie sie gar nie war: Dafür stehen jene Gruppen, die sich heute auf der Wasserscheide Europas, der sogenannten Mitte der Schweiz versammeln. Und dort mit scheinbar offenen Ohren, aber letztlich taubblind dem zuhören, der eine Zukunft beschwört, welche eine Vergangenheit, wie sie nie war, wieder lebendig werden lassen möchte.
Und das unter dem Brand, dem Label des weissen Kreuzes auf rotem Grund, das er und seine Gesinnungsgenossen für sich exklusiv reklamieren.
Dass das heute angesichts der Wahlen im Oktober noch schlimmer werden wird als in anderen Jahren, ist wohl nur allzu offensichtlich. Man geht in die sogenannte Mitte der Schweiz. Reklamiert das Kreuz als identisch mit dem eigenen Standpunkt und behauptet dann dreist, dass man die Mitte, ja letztlich der Nabel der Welt – oder zumindest der Schweiz sei.
Seit ich die Inserate und Plakate für diese Veranstaltung heute auf dem Gotthard gesehen habe, ist mir immer wieder ein Ausspruch meines Spirituals aus dem Studium in den Sinn. Er hat mir einmal gesagt: Je fester die Mitte. Je tiefer die Wurzeln, die wir dort in dieser Mitte wachsen lassen, umso weniger brauchen wir Mauern, um uns zu schützen. Umgekehrt gilt also: Je weniger ich um diese Mitte weiss. Je weniger ich darauf baue und vertraue, umso höhere Mauern muss ich errichten, damit ich mich zu schützen vermag vor allem dem drohenden Unbill, was von aussen scheinbar mich bedroht.
Was spirituell richtig ist, das kann man auch gut übertragen auf das Politische. Es nutzt nichts, wenn das Kreuz degradiert wird zu einem Zeichen, das nur jene benutzen dürfen, welche die richtige Farbe in ihrem Parteibüchlein tragen. Bzw. dem vermeintlichen Mose von heute sich bedingungslos unterwerfen.
Das Kreuz ist mehr. Viel mehr. Es steht dafür, dass wir uns EINEM ANDEREN verdanken. Dass wir als einzelne und als Staat von Voraussetzungen leben, die wir selber nicht schaffen und uns auch nicht geben können. Es steht für die Gottebenbildlichkeit und die unveräusserbare Würde eines jeden Menschen.
„Land der Mitte“ – so hat am Donnerstag die NZZ den Kanton Luzern bezeichnet und damit den Titel eines Selbstporträts der Regierung für den Kanton aufgegriffen.
Ich wünsche mir besonders heute am 1. August, dass Sie als politisch Tätige, dass wir alle um diese Mitte wissen. Dass wir uns in dieser Mitte verwurzeln. Sie hat einen Namen und ein Gesicht: Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und mit dieser Mitte können wir auf die Mauern verzichten, von denen der Redner heute auf dem Gotthard sprechen wird, weil er die eigentliche Mitte durch sich selbst bzw. eine nie dagewesene Vergangenheit ersetzt hat.
Ich habe zwar im Studium gelernt, dass man die Bibel nicht wie einen Steinbruch benutzen und nach Gefallen einzelne Verse zur Unterlegung der eigenen Gedanken zitieren soll. Aber das Evangelium heute hält einen so perfekt passenden Satz bereit, dass ich ihn Ihnen nicht vorenthalten möchte:
„Wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen.“ (Mt 15, 14b)
Wenn man blind geworden ist für die eigentliche Mitte. Wenn man sie zwar formal mit dem Kreuz noch besetzt hält und lauthals mit der Nationalhymne besingt. Aber sie völlig von der eigentlichen Bedeutung entleert hat, dann kann man nur noch Mauern errichten, um sich selber zu schützen.
Der 1. August ist mehr als nur ein Nationalfeiertag. Sondern er erinnert uns an die Voraussetzung und die Grundlage von uns selbst und unseres Landes. Lassen wir uns weder diesen Feiertag noch den Inhalt, die eigentliche Mitte von selbst ernannten Mose’ wegnehmen.
Füllen wir als Christinnen und Christen – im Privaten und in der Politik das Land der Mitte mit Inhalt und lassen wir Wurzeln wachsen. Mauern überlassen wir anderen.
Amen.
News / Aktuelles
1.August-Predigt von Bischofsvikar Ruedi Heim, Luzern
01. August 2011
Wo die Mitte der Schweiz liegt
In einer bemerkenswerten Predigt zum Gottesdienst der CVP Stadt Luzern geht Bischofsvikar Ruedi Heim auf die zweifelhafte Vereinnahmung des Schweizerischen durch die Politik ein. Sein Fazit: Die wahre Mitte ist fest verankert und selbstbewusst. Sie braucht keine Mauern um sich zu bauen.
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